Dietmar Vollmer
Mein Leben
Mein Deutschland
Eine Unikat Edition
für Barbara Hilmer-Schröer
und Ralf Schröer
Mein Leben – Mein Deutschland
Viele von uns führen ein bewegtes Leben, sie werden im Kinderwagen geschoben, steigen um auf Bus und Bahn und etliche kurven später im Rollstuhl dahin.
Mein Leben verlief irgendwie ...... aber sehen Sie selbst.
*
Kleinkind
ausgesetzt ! Wo sind die Rabeneltern
?
Diese und ähnliche Überschriften standen in der
Boulevard-Zeitung, als Angler mich im Gestrüpp eines
abgesperrten Baggersees fanden. Aber es war halb so
schlimm.
Meine Eltern hatten mich nur nach einem
alkoholfreudigen sonnigen Badespaß
vergessen..
Die Polizei übergab mich mit der
Auflage zukünftig besser auf mich aufzupassen.
*
Ich war ein pummeliges
Kind. Das mit dem Kind hat sich geändert, das Pummelige
ist geblieben.
Ich habe einfach in alles reingebissen, was nicht
rechtzeitig weggeräumt wurde. Die Speisekammer war mit
3 Schlössern abgesichert und während des Einkaufs im
Tante Emma Laden,
später im Supermarkt wurde ich
mit Handschellen neben den Hunden draußen
angebunden.
Ich hatte auch leichte
Gleichgewichtsstörungen. Deshalb stützte ich mich bis
ins Alter von 13 Jahren überall ab, an Mauern und an
Schaufenstern.
*
Da ich oft Blähungen vom
vielen Essen hatte, wurde mein Bett einfach auf den
Balkon rausgeschoben. Damit es im Zimmer nicht so roch.
Im Sommer war das nett, aber an einem Wintermorgen bin
ich unter einer 35 cm dicken Schneedecke erwacht.
*
Meine Eltern hatten einen
etwas ausgefallenen Geschmack, was Architektur angeht.
Das Bauernhaus ihrer Eltern haben sie einfach
abgerissen und stattdessen auf der Streuobstwiese etwas
Modernes, wie mein Vater sagt, hingestellt. Den
Nachbarn hat es nicht so gut gefallen. Es sah aus, wie
drei große Zelte und jede Woche kam eine
Architekturstudentenklasse vorbei und trampelte durch
unser Wohnzimmer und schrie “aaah” und
“oooh” vor Begeisterung.
*
Meine Mutter hatte sich ein
Gartenhäuschen bauen lassen, das mich etwas an einen
Gebetstempel erinnerte. Auch dort wurden wir von vielen
Freunden der Architektur heimgesucht. Die Blumenrabatte
wurden regelmäßig niedergetrampelt und einmal im Jahr
erneuert.
*
Meine Mutter brachte mich
auch immer zur Schule, da ich regelmäßig vom Fahrrad
fiel. Sie erinnern sich, wegen der
Gleichgewichtsstörungen.
Nicht selten hat sie
dabei ein Huhn oder eine Katze für den Mittagstisch
erlegt.
*

Das gesellschaftliche Leben
in unserem Dorf war durchaus mit dem kultureller
Hochburgen zu vergleichen.
Es gab einen
jährlichen Umzug, wo sich jeder seine besten Kleider
und Hosen anzog. Der Männergesangverein verwöhnte uns
mit melodischen Klängen und unter den Dorfschönsten
wurde die Weinkönigin gekrönt, das Mädel, welches am
meisten des edlen Rebensaftes vertrug.
*
Schon früh verspürte ich in
mir das schauspielerische Talent viele Leute durch mein
großes Können zu begeistern.
Die ersten Bretter,
die ich bespielte, waren im dörflichen Bauerntheater.
Ich (hinter dem Kuchen) wartete auf Godot und manchmal
auch auf den Applaus.
*
Später trat ich mit anderen
Talentierten am Dorfrand auf. Die Treppen zum Rhein hin
boten eine großartige Kulisse.
Wir spielten
Romeo und Julia. Und das öfter, wie die Mausefalle in
London.
Leider hatten wir kein Publikum, da die
Leute im Wasser stehen oder in Booten hätten sitzen
müssen.
Nachträglich besehen, war das alles nicht
gut durchdacht.
*
Einmal die Woche fuhr ich
mit meinen Freunden nach Holland. Im Hintergrund sieht
man noch eine moderne Windmühle.
Dort besorgten
wir uns immer Gras und andere Sachen, weil die
deutschen Zigaretten nicht die gewünschte Wirkung
zeigten.
*
Ich war auch ein guter
Autofahrer. Wären die anderen Verkehrsteilnehmer
zügiger aus dem Weg gewesen, dann hätte ich mir nicht
so viele Autos kaufen müssen. Die Polizei hat mir dann
auch noch den Führerschein weggenommen.
Deshalb
mußte meine Mutter mich wieder durch die Gegend fahren.
*
Nach meinem Examen wurde
ich Lehrer an meiner alten Schule und durfte endlich
selbst andere disziplinieren. Das Prügeln, zur
Förderung des Nachdenkens, war aber inzwischen
verboten, zumindest offiziell.
*
Strafarbeiten konnte ich
aber noch in Hülle und Fülle schreiben lassen. Einer
meiner Schüler, der größte Schmierer (links, mit
Brille), wurde ein anerkannter Schriftsteller im
Bereich “Visual Poetry” und experimenteller
Lyrik. Er war unfähig selbst zwei sich reimende Worte
zu finden.
*
Ich dagegen habe vom
Bürgermeister für meine Leistungen eine silberne
Damenarmbanduhr aus Taiwan erhalten.
Sehr schön,
sie glänzt ganz toll. Leider gibt es hier keine
passenden Batterien dafür.
Meine Klasse wartet
jeden Morgen auf meine neuen literarischen Erzeugnisse,
die sie immer wieder aufs Neue fesseln.
Dann weiß
ich, hier wirst du gebraucht, hier gehörst du hin.
*
Kurzum, was haben wir jetzt
über Deutsche erfahren:
- Sie baden gerne in abgesperrten Baggerseen.
- Sie lesen Boulevard-Zeitung,
auch wenn der Inhalt nicht stimmt.
- Sie essen gerne.
- Sie übernachten gerne im Freien.
- Sie sind Freunde besonderer Architektur.
- Sie rasen gerne in Ortschaften.
- Sie sind Mitglied von mindestens drei
Vereinen.
- Sie schauspielern gern.
- Sie fahren gern nach Holland.
- Sie sind Autonarren.
- Sie sind Oberlehrer!
*
Idee und Text: Dietmar Vollmer / Fotos: aus einer Privatschatulle

