Dietmar Vollmer


Mein Leben
Mein Deutschland



Eine Unikat Edition
für Barbara Hilmer-Schröer
und Ralf Schröer




Mein Leben – Mein Deutschland


Viele von  uns führen ein bewegtes Leben, sie werden im Kinderwagen geschoben, steigen um auf Bus und Bahn und etliche kurven später im Rollstuhl dahin.

Mein Leben verlief irgendwie ...... aber sehen Sie selbst.


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Kleinkind ausgesetzt ! Wo sind die Rabeneltern ?
Diese und ähnliche Überschriften standen in der Boulevard-Zeitung, als Angler mich im Gestrüpp eines abgesperrten Baggersees fanden. Aber es war halb so schlimm. 
Meine Eltern hatten mich nur nach einem alkoholfreudigen sonnigen Badespaß vergessen..
Die Polizei übergab mich mit der Auflage zukünftig besser auf mich aufzupassen.


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Ich war ein pummeliges Kind. Das mit dem Kind hat sich geändert, das Pummelige ist geblieben.
Ich habe einfach in alles reingebissen, was nicht rechtzeitig weggeräumt wurde. Die Speisekammer war mit 3 Schlössern abgesichert und während des Einkaufs im Tante Emma Laden, 
später im Supermarkt wurde ich mit Handschellen neben den Hunden draußen angebunden.
Ich hatte auch leichte Gleichgewichtsstörungen. Deshalb stützte ich mich bis ins Alter von 13 Jahren überall ab, an Mauern und an Schaufenstern.


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Da ich oft Blähungen vom vielen Essen hatte, wurde mein Bett einfach auf den Balkon rausgeschoben. Damit es im Zimmer nicht so roch. Im Sommer war das nett, aber an einem Wintermorgen bin ich unter einer 35 cm dicken Schneedecke erwacht.


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Meine Eltern hatten einen etwas ausgefallenen Geschmack, was Architektur angeht. Das Bauernhaus ihrer Eltern haben sie einfach abgerissen und stattdessen auf der Streuobstwiese etwas Modernes, wie mein Vater sagt, hingestellt. Den Nachbarn hat es nicht so gut gefallen. Es sah aus, wie drei große Zelte und jede Woche kam eine Architekturstudentenklasse vorbei und trampelte durch unser Wohnzimmer und schrie “aaah” und “oooh” vor Begeisterung.


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Meine Mutter hatte sich ein Gartenhäuschen bauen lassen, das mich etwas an einen Gebetstempel erinnerte. Auch dort wurden wir von vielen Freunden der Architektur heimgesucht. Die Blumenrabatte wurden regelmäßig niedergetrampelt und einmal im Jahr erneuert.


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Meine Mutter brachte mich auch immer zur Schule, da ich regelmäßig vom Fahrrad fiel. Sie erinnern sich, wegen der Gleichgewichtsstörungen.
Nicht selten hat sie dabei ein Huhn oder eine Katze für den Mittagstisch erlegt.


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Das gesellschaftliche Leben in unserem Dorf war durchaus mit dem kultureller Hochburgen zu vergleichen.
Es gab einen jährlichen Umzug, wo sich jeder seine besten Kleider und Hosen anzog. Der Männergesangverein verwöhnte uns mit melodischen Klängen und unter den Dorfschönsten wurde die Weinkönigin gekrönt, das Mädel, welches am meisten des edlen Rebensaftes vertrug.


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Schon früh verspürte ich in mir das schauspielerische Talent viele Leute durch mein großes Können zu begeistern.
Die ersten Bretter, die ich bespielte, waren im dörflichen Bauerntheater. Ich (hinter dem Kuchen) wartete auf Godot und manchmal auch auf den Applaus.


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Später trat ich mit anderen Talentierten am Dorfrand auf. Die Treppen zum Rhein hin boten eine großartige Kulisse. 
Wir spielten Romeo und Julia. Und das öfter, wie die Mausefalle in London.
Leider hatten wir kein Publikum, da die Leute im Wasser stehen oder in Booten hätten sitzen müssen.
Nachträglich besehen, war das alles nicht gut durchdacht.


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Einmal die Woche fuhr ich mit meinen Freunden nach Holland. Im Hintergrund sieht man noch eine moderne Windmühle.
Dort besorgten wir uns immer Gras und andere Sachen, weil die deutschen Zigaretten nicht die gewünschte Wirkung zeigten.


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Ich war auch ein guter Autofahrer. Wären die anderen Verkehrsteilnehmer zügiger aus dem Weg gewesen, dann hätte ich mir nicht so viele Autos kaufen müssen. Die Polizei hat mir dann auch noch den Führerschein weggenommen.
Deshalb mußte meine Mutter mich wieder durch die Gegend fahren.


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Nach meinem Examen wurde ich Lehrer an meiner alten Schule und durfte endlich selbst andere disziplinieren. Das Prügeln, zur Förderung des Nachdenkens, war aber inzwischen verboten, zumindest offiziell.


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Strafarbeiten konnte ich aber noch in Hülle und Fülle schreiben lassen. Einer meiner Schüler, der größte Schmierer (links, mit Brille), wurde ein anerkannter Schriftsteller im Bereich “Visual Poetry” und experimenteller Lyrik. Er war unfähig selbst zwei sich reimende Worte zu finden.


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Ich dagegen habe vom Bürgermeister für meine Leistungen eine silberne Damenarmbanduhr aus Taiwan erhalten. 
Sehr schön, sie glänzt ganz toll. Leider gibt es hier keine passenden Batterien dafür.
Meine Klasse wartet jeden Morgen auf meine neuen literarischen Erzeugnisse, die sie immer wieder aufs Neue fesseln.
Dann weiß ich, hier wirst du gebraucht, hier gehörst du hin.


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Kurzum, was haben wir jetzt über Deutsche erfahren:
- Sie baden gerne in abgesperrten Baggerseen.

- Sie lesen Boulevard-Zeitung,

 auch wenn der Inhalt nicht stimmt.

- Sie essen gerne.

- Sie übernachten gerne im Freien.

- Sie sind Freunde besonderer Architektur.

- Sie rasen gerne in Ortschaften.

- Sie sind Mitglied von mindestens drei Vereinen.

- Sie schauspielern gern.

- Sie fahren gern nach Holland.

- Sie sind Autonarren.

- Sie sind Oberlehrer!



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Idee und Text: Dietmar Vollmer / Fotos: aus einer Privatschatulle

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Artists Book von
Dietmar Vollmer
DIN A5 – 22 Seiten

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