Henning Mittendorf


DEUTSCHLAND – LAND IM UMBRUCH

I
Deutschland reicht von Konstanz bis Flensburg und von Aachen bis Görlitz.

II
Es ist zum einen Kulturland, das Heimatgefühl und Weltgesinnung in Frieden vereint: Fachwerkhäuser und Wolkenkratzer-Skylines inmitten von Feldern, Seen, Wiesen, Wäldern, an Flüssen sowie am Meer, Menschen aller Rassen, aller Religionen, aus allen Ländern, aller Berufe, Arme und Reiche, Heilige und Bösewichte, Genies und Dummköpfe, zielstrebige Erfolgsmenschen und charakterschwache Fürsorgezöglinge, engstirnige Fanatiker und liberale Mitbürger. Deutschland ist das gemeinsame Haus, die Heimat, für alle, die in ihm leben, auch für mich und meine Familie. Ein Deutschland, in dem die Fremden schlecht behandelt werden, hört auch für Alteingesessene wie mich auf, Heimat zu sein.

III
Deutschland ist zum anderen Barbarenland, vor allem wenn es totalitäre Regime und Kriege gebiert. Es hat den ungeheuerlichsten ideologisch motivierten Vernichtungskrieg der Neuzeit hervorgebracht, den perfektesten seelenlosesten Eroberungs-, Raub-, Versklavungs- und Tötungsautomatismus der Moderne, einschließlich der von ihm provozierten schrecklichen Antworten.
Deutschland ist damit ein Wort, das an Schuld erinnert, von deren Aufarbeitung das gesellschaftliche Ansehen jedes einzelnen Deutschen abhängen sollte. Heinrich Böll schrieb in einem fiktiven Brief an seine Söhne: “Ihr werdet die Deutschen immer wieder daran erkennen können, ob sie den 8. Mai als Tag der Niederlage oder Befreiung bezeichnen.“ Deutschland heißt verurteilen, verstehen, lernen, neu anfangen.

IV
Deutschland ist ein Land im Umbruch in einer sich wandelnden Welt voll Reichtum sowie Armut, Glaube sowie Angst und voll anderer entgegengesetzter widersprüchlicher Entwicklungen. Einerseits ist es Teil der Staatenwelt und ihrer herkömmlichen Strategien, wie Kriege um Land und Ressourcen, ethnische Konflikte, Nationalismus, Rassismus, politische Gewalt gegen Andersdenkende. Andererseits ist es Teil der Gesellschaftswelt im Werden. Es nimmt Teil am Streben der Menschen, besser vernetzt und informiert, selbständiger zu sein und gemeinschaftsorientiert mitzubestimmen, friedlicher zu werden, immer mehr. Es ist Teil der weltweiten Bemühungen, durch Gewaltvorbeugung und Demokratisierung, einschließlich einer gerechteren Neuordnung der Weltwirtschaft, internationalen Interessenausgleich zu gewährleisten und eine humane Weltordnung zu schaffen. Dazu gehören beispielsweise auch die Auflösung von auf Vorherrschaft eines Staates beruhenden Machtbereichen, wie die der Kolonialreiche, des Sowjetimperiums sowie einiger Vielvölkerstaaten Europas, und der freiwillige Zusammenschluss zusammengehöriger Teilstaaten, wie die deutsche Vereinigung.
Deutschland ist Schauplatz des Mauerfalls, Symbol für den Zusammenbruch des Sowjetimperiums und für die Möglichkeit, Europa als Teil der atlantischen Weltzivilisation im Verbund insbesondere mit den Vereinigten Staaten von Nordamerika wiederzugewinnen: Aus der Gemeinschaft der ursprünglich sechs entwickelt sich die der dreißig Staaten verpflichtet auf Frieden und Wohlstand im Sinne einer überstaatlichen Ethik.
Deutschland und seine europäischen Partner sind Anziehungspunkt
für viele Menschen, vor allem aus Afrika und Asien. Gemeinsam versuchen sie, die Wanderungsbewegungen, die hierdurch verursachte Umschichtung ihrer Bevölkerungen sowie die damit verbundenen wachsenden innerstaatlichen Spannungen international abgestimmt zu steuern, d.h. zu erforschen und zu bekämpfen.
Deutschland lässt sich heute kaum mehr von der Normalität der anderen westeuropäischen Länder unterscheiden. Man muss schon intensiver hinschauen. Die alljährlichen Weihnachtsmärkte vor historischer Kulisse sind kitschiges deutsches Disneyland.

V
Deutschland ist ein Staat mit vielen Wurzeln und zuletzt doppelter historischer Vergangenheit. Auch nach vierzigjähriger Teilung ist 1989/90 in beiden deutschen Staaten noch genügend Gefühl und Bewusstsein der Zusammengehörigkeit vorhanden, um sich zügig staatlich zu vereinen, als sich hierzu die Möglichkeit bietet: Der Großteil der ostdeutschen Bevölkerung verlangt, schnell aus der erzwungenen und miserablen ökonomischen sowie ökologischen Abgetrenntheit in das bundesdeutsche scheinbar politikbefreite Paradies der Privatexistenz mit Sozialer Marktwirtschaft und überwölbender Verwaltung zu kommen. Die westdeutsche Regierung versucht die Vereinigung ohne größere Änderung ihres Systems zu erreichen. Die Dissidenten der DDR haben dem Wunsch der eigenen Bevölkerung sowie dem der Bundesregierung kaum etwas entgegenzusetzen, da wichtige soziale Elemente ihrer Vorstellungen bereits im aufnehmenden System der Bundesrepublik als Sozialstaat enthalten sind, eingearbeitet, um die verheerenden sozialen Folgen eines ungezügelten Kapitalismus abzuwehren.

VI
Deutschland hat es anlässlich der Vereinigung versäumt, sich eine gemeinsame neue Verfassung zu geben und das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland nach lediglich geringfügigen Änderungen und ohne bestätigenden Volksentscheid beibehalten.
Es hat die Wiedervereinigung letztlich auf eine bloße Verwaltungsangelegenheit reduziert und aus aktiven Beteiligten – mit dem Einverständnis ihrer Mehrheit – konsumierende Zuschauer gemacht. Deutschland hat allerdings im Vor- und Umfeld der Vereinigung erstmals systematisch über sich und seine Verfasstheit nachgedacht und erkannt, dass derjenige, der über Verfassung und Staat hinausschaut, kein Antidemokrat und Verfassungsfeind ist, sondern ein Stück unverzichtbarer langfristiger Daseinsvorsorge der Gesellschaft wahrnimmt. Es hat erkannt, dass es die Pflicht hat, sich so zu organisieren, dass alle Umbrüche und künftigen massiven Wandlungen der Lebenswelt im tatsächlichen Einvernehmen zwischen den politisch, wirtschaftlich und sozial Handelnden ablaufen. Es muss mit den Möglichkeiten der parlamentarischen Demokratie und der internationalen Abstimmung zugleich selbstbestimmt und solidarisch seine Risiken bewältigen und seine Chancen wahrnehmen, d.h. sein Streben nach Selbstverwirklichung Deutschlands zum Wohle Europas sowie der Gesellschaftswelt
überschreiten. Es hat nicht nur über das Ende der Bonner Republik, einschließlich über die Hauptstadtfrage, und Einzelreparaturen am Grundgesetz, sondern darüber hinaus global nachgedacht. Der Natur wurde als allgemeinste und umfassendste der menschlichen Lebensbedingungen zukunftsorientiert Verfassungsrang eingeräumt.
Sofern es heute zwingende Gründe gibt, Verfassungskräfte in ein neues Gleichgewicht zu bringen, muss Deutschland das weniger im Rahmen einer neuen deutschen, sondern eher einer gesamteuropäischen Verfassung anstreben. Zusammen mit seinen europäischen Partnern darf Deutschland dieses Ziel nicht aus den Augen verlieren, auch wenn der erste Versuch einer europäischen Verfassung gescheitert ist.

VII
Deutschland hat ein politisches System, das sich von dem aller vorangegangenen deutschen Staaten unterscheidet. Es weist im historischen Vergleich heute Merkmale auf, die ihm als europäischen Zentralstaat mehr Chancen als Probleme bieten, wie: eine stark ausgeprägte föderalistische Struktur, die Steuerung der Politik mit Hilfe eines Parteiensystems, eine breite Anerkennung des parlamentarischen Systems, die feste Einbindung in das westliche Bündnissystem und die endgültige Festschreibung seiner Grenzen.
Deutschland braucht Menschen, die sich mit dem „aufgeklärten Individualismus“ identifizieren:
Es benötigt als arbeitsteilige Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft mit unterschiedlichen Werten und Normen in seinen unterschiedlichen Lebensbereichen bewegliche und freie Menschen, die aber nicht ausschließlich egoistisch und nutzenorientiert, sondern abgestimmt, gemeinschaftsorientiert, handeln, weil sie wissen, dass moderne arbeitsteilige und selbstbestimmte Gesellschaften nur bei Zusammenarbeit und Verbundenheit der Menschen funktionieren.
Deutschland, vor allem seine Jugend, muss insoweit ein gemeinsames verbindendes Geschichtsbewusstsein entwickeln – ohne Schlussstrichmentalität. Es muss sich vor allem mit den beiden deutschen Diktaturen produktiv auseinandersetzen. Es muss sich mit deren Mechanismen der Konfliktbewältigung, der Anpassung, der Widersprüche, der Ästhetik und der Perversionen beschäftigen. Es ist verpflichtet, die Erfahrungen der Vergangenheit mit Zukünftigem in einer gemeinsamen Werten verpflichteten Kultur zu verbinden, damit die bestehende freiheitlich-demokratische auf Frieden zielende antitotalitäre Übereinstimmung der Mehrheit der Bevölkerung zu einer unverrückbaren zentralen Säule des Zusammengehörigkeitsbewusstseins aller Deutschen wird.
Deutschland muss erkennen, dass totalitäre Imperien wie beispielsweise das Großdeutsche Reich sowie die Union der sozialistischen Sowjetrepubliken, ja alle extremistischen sowie fundamentalistischen rechten sowie linken Bewegungen, einschließlich solche ethnischer und rassistischer Art, vor allem als Verkörperungen pathologischer Persönlichkeitsstrukturen entstehen. Wenn der rasche soziale Wandel in modernen Industriegesellschaften die psychosozialen Verarbeitungskapazitäten der Menschen gewissermaßen überfordert und dabei Angst erzeugt, kommt es zu solchen Entwicklungen, und zwar je nach politischer Gelegenheitsstruktur im rechten oder linken Spektrum, wie Erwin K. Scheuch und Hans-Dieter Klingemann nachgewiesen haben.
Deutschland muss nach dem Zusammenbruch des Hitlerreichs einsehen, dass es keinen nationalen großdeutschen Sonderweg
mehr geben kann und stattdessen ein weiterführendes vereintes Europa auf der Tagesordnung steht. Dabei muss es immer auf die bei seinen europäischen Nachbarn angesichts des neuen deutschen Staates in der Mitte des Kontinents wieder auflebenden Empfindlichkeiten Rücksicht nehmen. Europa ist verpflichtet, sich mit den rechtsextremistischen und fundamentalistischen Bewegungen, die sich angesichts der heutigen weltweit zunehmenden unübersichtlichen Entwicklungen wieder verstärkt bilden, mit geeigneten aufeinander abgestimmten Mitteln auseinanderzusetzen. Dazu gehören beispielsweise im Inland: Aufklärung, Bildung, Anerkennung, Schaffung von Arbeitsplätzen, polizeiliche Maßnahmen und international: Gleichberechtigung und Abstimmung, Hilfe zur ökonomischen und demokratischen Entwicklung, einschließlich zur Verwirklichung von sozialer Gerechtigkeit.
Aus dem Lager des Kommunismus ist nach dem Scheitern des „Prager Frühlings“ sowie des „Eurokommunismus“ und der Zurückdrängung der DDR-Opposition vorerst keine zukunftsweisende Vision zu erwarten, wenngleich unstrittig ist, dass der Sozialismus in der Vergangenheit ein wichtiges Korrektiv für die Entwicklung des Kapitalismus gewesen ist.
Deutschland, wenn es denn einen Nationalismus als Bindemittel braucht, dann muss er „aufgeklärt“ im Sinne eines deutschen Verfassungspatriotismus sein, der die Eigenart der deutschen Heimat bewusst pflegt und dabei weltoffen ist. Er darf Deutschland nicht abschotten und nicht absolut setzen, sondern er muss anerkennen, dass es auch gleichberechtigter Teil eines größeren Ganzen zu sein und sich darin einzufügen hat. Aufgeklärter Nationalismus ist immer mit Universalismus verbunden, d.h. mit dem Blick auf die größeren Einheiten, zu denen die eigene Nation gehört, bis hin zur werdenden Gesellschaftswelt und ihrem Wohlergehen, der humanen technischen Weltordnung. Deutschland muss dazu beitragen, dass diese Sichtweise weltweites Gemeingut wird und zum Gegengewicht gegen die zerstörerischen egoistischen Sonderinteressen vor allem wirtschaftlich mächtiger Gruppen, die die Welt der Menschen bedrohen. Europa muss darauf hinwirken, dass die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verwerfungen des internationalen Kapitalismus, der Terror der Wirtschaft und die Globalisierungsfalle, mit zwischen- und überstaatlichen Regelungen korrigiert, d.h. der Kapitalismus an die Gesellschaftswelt und das Sozialstaatsprinzip rückgebunden und dem Gesetz unterworfen werden.
Deutschland muss innerstaatlich dafür sorgen, dass sein Parteiensystem stabil bleibt, da anderenfalls unabsehbare Folgen für die Gesellschaft entstehen können. Es muss sich darum kümmern, dass es die anwachsende Vertrauens- und Legitimitätskrise überwindet, die durch den Egoismus einzelner Politiker sowie die schwindende Wirksamkeit der politischen Elite vor dem Hintergrund der aktuellen krisenhaften Wandlungsprozesse hervorgerufen werden. Ein Machtwechsel, d.h. eine Ablösung der bürgerlichen Mehrheit, auf Bundesebene erscheint momentan nur bei Stärkung des linken Lagers möglich. Es bleibt abzuwarten, ob die neue Linke das Wahlverhalten der Bürger beeinflussen und koalitionsfähig wird.
Deutschland muss sein System der Beziehungen zwischen Interessengruppen, Bürgervereinigungen und Staat pflegen, d.h. sein Politikmanagement-Modell der verabredeten Aktion und berufsständischen Wirtschaftspolitik. Wenn sich die jungen Menschen zunehmend neuen kleinräumigen Gruppen zuwenden, die beispielsweise an stärkerer Selbstbestimmung, politischer Beteiligung sowie an deutlicherem Umweltschutz interessiert sind und sich in Netzwerken großräumig unter einem Dach zusammenfinden, dann zeigt dies, dass das Prinzip der freien Vereinigung funktioniert, indem es neue Interessen aufnehmen und integrieren kann. Sollte aber die Schwächung von vor allem Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden im Zusammenhang mit der schlechten wirtschaftlichen Entwicklung andauern, dann könnten schwerwiegende Folgen für die Interessenvermittlung, den sozialen Frieden in Deutschland und die Wohlfahrts- sowie die wirtschaftliche Entwicklung entstehen und das Gesamtsystem in Gefahr geraten.

VIII
Auf den „Wirtschaftsstandort Deutschland“ wirkt heute ein grundlegender Strukturwandel ein, dessen Ursachen in den bereits erwähnten aktuellen europa- und weltweiten Wandlungsprozessen liegen, einschließlich im Wechsel zur Dienstleistungsgesellschaft. In Ostdeutschland kommen die Schwierigkeiten hinzu, die mit der Einführung der Marktwirtschaft, marktwirtschaftlicher Industriepolitik sowie mit der Wiederherstellung der alten Eigentumsverhältnisse verbunden sind. Die durch das Prinzip „Rückgabe vor Entschädigung“ hervorgerufenen Polarisierungen und zahlreichen Prozesse wären vermieden worden, wenn stattdessen das gerechtere sozialstaatliche Prinzip des fairen Lastenausgleichs für alle Opfer beider deutscher Diktaturen angewendet worden wäre.
Deutschland wird künftig weniger Arbeit haben, vor allem für schlecht ausgebildete Menschen. Es muss sich fragen, wie die verbliebene Arbeit zu welchem Preis aufzuteilen ist: zwischen den Geschlechtern, den verschiedenen Altersgruppen sowie den unterschiedlich ausgebildeten Bevölkerungsgruppen, ja ob angesichts der zu erwartenden Arbeitslosigkeit die Arbeit als Lebensmittelpunkt der Menschen überhaupt noch eine Zukunft hat. Es ist gezwungen zunehmend einzusehen, dass die alten Regulierungsverfahren heute nicht mehr taugen, ohne allerdings zu wissen, welche neuen Methoden sich durchsetzen werden.
Die Bundesrepublik Deutschland muss ihre Sozialordnung, ihr Netz der sozialen Sicherung, einer tief greifenden Reform unterziehen, wenn sie auch künftig noch Bestand haben soll. Die Ursachen für den Umgestaltungsbedarf liegen auch hier in aktuellen europa- und weltweiten Wandlungsprozessen, die teilweise schon erwähnt worden sind. Dabei ist die Bindung der Sozialleistungen an das Arbeitseinkommen von großer Bedeutung, d.h. dass sie von der arbeitenden Bevölkerung erwirtschaftet werden müssen. Das muss überdacht werden.
Zu den Herausforderungen zählen im einzelnen vor allem: die Lasten der wirtschaftlichen Strukturkrise, vor allem die der hohen Arbeitslosigkeit, die geringe und abnehmende Geburtenzahl, der infolge des zunehmenden Anteils der älteren Bevölkerung wachsende Bedarf an Leistungen vor allem der Renten-, der Kranken- und der Pflegeversicherung, die wachsende Abhängigkeit vieler Menschen vom Sozialstaat, die sich aus der weiterhin schrumpfenden Größe der individuellen Haushalte ergibt, einschließlich der wachsenden Zahl von Haushalten, die aus einer allein erziehenden Person mit einem Kind oder mehreren Kindern besteht und der hohe Finanzbedarf, der aus dem Vollzug der politischen Entscheidung von 1989/90 erwächst, das Niveau der sozialen Sicherung in den neuen Bundesländern rasch an das der alten Bundesländer heranzuführen.
Die Antworten gehen in vier Richtungen: weiterer Ausbau des Sozialstaats zwecks Schließung von Leistungslücken, marktorientierte Entstaatlichung der Sozialpolitik, Systemwechsel auf hohem Leistungsniveau durch Einführung einer bedarfsorientierten Grundrente und „Kursänderungen von höchstens plus oder minus fünf Prozent“.
Wenn man diese Zielrichtungen überprüft, ob sie zu einer einigermaßen stabilen Sozialordnung unter Gewährleistung von Verteilungsgerechtigkeit, der Balance zwischen sozialem Schutz und wirtschaftlicher Effizienz, der Verträglichkeit mit der bisherigen Sozialpolitik sowie der politischen Mach- und Durchsetzbarkeit führt, dann zeigt sich, dass radikale Änderungen kaum, sondern solche von plus oder minus fünf Prozent eher durchsetzbar sind.
Bei der Verwirklichung von Vorschlägen im einzelnen muss vor allem auf fünf Punkte geachtet werden: sie sollten die Voraussetzungen für eine gute Wirtschaftspolitik verbessern, sie sollten insbesondere den Zielkonflikt zwischen Sozialschutz und wirtschaftlicher Leistungskraft entschärfen, den Konflikt um den Generationenvertrag lindern, die originären Ziele der Sozialpolitik mit den vorhandenen Mitteln besser erreichen und sie sollten das krasse Missverhältnis zwischen einerseits der weit ausgebauten Kranken-, Alters- und Pflegeversicherung und andererseits der Unterausstattung von Bereichen, die der Zukunftsvorsorge dienen, wie der vorausschauenden Beschäftigungsförderung, der Kindererziehung, der Familienförderung und dem Bildungswesen beseitigen.
Deutschland muss sehen, dass die Belastungen der nächsten Generationen weit höher sein werden als die der bisherigen; denn sie müssen die Lasten alten Stils tragen und zusätzlich für ihre eigene Altersversorgung aufkommen, was zu einer gefährlichen sich am Alter orientierenden politischen Spaltungs- und Konfliktlinie führen kann. Es muss diese Situation als zu meisternde Herausforderung annehmen und für zweierlei sorgen: für einen neuen Generationenvertrag, bei dem es nicht um Besitzstandswahrung geht, sondern um eine gerechte Verteilung der Lasten, die den Jungen wieder Hoffnung für die Zukunft verspricht, und für das Bewusstsein, dass die unvermeidlichen Anpassungen nicht nur als Opfer und Beschränkung materieller Lebenschancen erlebt werden, sondern auch als erfreuliche Entwicklung, die einen Zuwachs an Erfahrungen bringt.

IX
Deutschland wird künftig eine völlig veränderte Lebenswelt haben, wenn es alle in ihm liegenden kreativen lebensdienlichen Chancen verwirklicht, indem vor allem die politischen Entscheidungsträger neue Wege gehen, um Arbeit, soziale Sicherung und Lebensführung der Menschen flexibel und neuartig gestalten. Es wird vor allem eine viel offenere Gesellschaft, Dienstleistungsgesellschaft, mit qualifizierteren Mitgliedern in flexibleren Zeit- und Raumstrukturen entstehen.
Deutschland muss die Gleichstellungspolitik weiterführen, die den „Gleichstellungsvorsprung“ der DDR-Frauen im Berufsleben mit der von den Frauen in der Bundesrepublik erreichten Anerkennung aller tatsächlichen Unterschiede verbindet. Trotz der gegenwärtigen wirtschaftlichen Entwicklungen, die gesellschaftserneuernde Strategien mehr und mehr blockieren, sind Männern und Frauen gleichberechtigt alle Lebensbereiche zu öffnen.
Deutschland wird erleben, dass es statt kontinuierlicher Erwerbstätigkeit und einer dauerhaften Versorgerehe zunehmend abwechselnde nebeneinander herlaufende und aufeinander folgende Abschnitte sowohl im Arbeitsleben
als auch im Familienleben geben wird. Einerseits geht es um Phasen von Ausbildung, Erwerbsarbeit, Familienleben und Weiterbildung und andererseits um Entwicklungsstufen von langen vorehelichen Partnerschaften, Familienphasen hoher partnerschaftlicher Beständigkeit zur Erziehung der Kinder und von nachehelichen Altersgerfährtenschaften. Alle Herabsetzungen müssen beseitigt werden, die eine unzusammenhängende Berufstätigkeit und ein unregelmäßiges Familienleben bislang mit sich brachten. Einerseits werden von den Familien die vorangegangenen Generationen stärker einbezogen und andererseits werden die Älteren sich zunehmend auf die Kinder stützen müssen. Die klassische Kernfamilie bestehend aus Mann, Frau und ihren heranwachsenden Kindern wird sich zu einer Familie wandeln, in der haushaltsübergreifende Generationenbeziehungen wichtiger werden als Partnerbeziehungen. Die Einsicht in diese wachsende Wechselseitigkeit der Beziehungen wird immer wichtiger, weil bestimmte soziale Leistungen, die in den letzten Jahrzehnten vom Staat übernommen worden waren, zunehmend in die länger werdenden Lebensverläufe integriert werden müssen.
Deutschland wird künftig prinzipiell gleichartige
Städte haben, ohne dass deren Struktur schon erkennbar ist. Ihre Aufteilung in Vororte sowie Innenstädte und die Sozialstruktur in den verschiedenen städtischen Zonen wird davon abhängen, wohin man beispielsweise zum Arbeiten, zum Einkaufen und zum Besuch kultureller Veranstaltungen fahren muss. Für die architektonische Gestaltung der Städte, einschließlich der Frage, ob die Innenstädte Ostdeutschlands historisierend rekonstruiert oder modernisiert werden, ist bedeutsam, ob sich neue Formen der Urbanität entwickeln und die Willkür der Kisten- und Kastenarchitektur überwunden wird.
Deutschland muss eine zeitgemäße Regionalpolitik entwickeln, die sich – unter Wahrung der seit der Vereinigung erweiterten regionalen Vielfalt – an der am Bundesdurchschnitt gemessenen regional unterschiedlichen Kaufkraft orientiert. Es ist eine gesamtdeutsche Mischstrategie anzuwenden, die unter Berücksichtigung der verschiedenen regionalen Leistungsfähigkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten zu starke regionale Unterschiede ausgleicht, da diese gegebenenfalls als eine Bedrohung des eigenen Lebensstandards angesehen werden und zu gesellschaftlichen Konflikten führen.
Deutschland muss den jungen Generationen vertrauen, einschließlich der Generation der Wendezeit, dass sie die friedliche Entwicklung Deutschlands voranbringen werden, d.h. vor allem die Ausarbeitung eines neuen sozialpolitischen Generationenvertrages, die Erfindung wirtschaftlich-technischer Innovationen und die Vollendung der deutschen Einheit. Daneben müssen sie sich auseinandersetzen mit Fragen, wie dem Parteiendünkel, der Zusammensetzung des Bundestages, dem Kapitalmissbrauch, dem Umweltschutz, dem Verhältnis Europas zu den Vereinigten Staaten von Nordamerika beziehungsweise zur Dritten Welt, der Verantwortlichkeit im autonomen Wirtschaftsleben, der Vernichtung von Baudenkmälern, der ganzheitliche Medizin und der Masttierhaltung. Deutschland muss die jungen Generationen, die vorrangig die Kosten des Wandels tragen müssen, stärker fördern, anerkennen und schneller in Führungspositionen bringen, die von den überalterten Führungseliten blockiert werden.

X
Deutschland ist also ein Wort, ein Begriff, der vieles bezeichnet – man kann in vielen Deutschlands leben.
Deutschland kann in gewisser Weise selbst in der Ferne entstehen und existieren, wenn Deutsche in der Fremde neue Heimaten gründen oder wenn in der Ferne Deutsche in geselliger Runde beisammensitzen.
Deutschland sollte ein Synonym für Menschlichkeit und Weltbürgertum sein.
Wie immer man zu seinem einen oder den vielen anderen Deutschlands steht, den gewesenen, den existierenden oder den kommenden, den tatsächlichen oder den erträumten, immer muss man bedenken, dass es dabei nur scheinbar um einen äußerst „verfügbaren“ Begriff geht. Denn in Wahrheit muss man immer scharf über ihn nachdenken, um ihn in seinen vielfältigen Erscheinungsformen zu begreifen:
Deutschland ist zugleich ein poetisch-magisches sowie ein nüchtern-rationales Wort, und sich über Deutschland zu informieren bedeutet, über das scheinbar Selbstverständliche nachzudenken, das richtig betrachtet, doch zugleich sehr rätselhaft ist.
Die Welt, Europa und Deutschland – alles wird sich wandeln.
Um notwendige Entwicklungen lebensdienlich zu befördern, müssen sich die Menschen entsprechend ändern. Denn es gilt, was Meinhard Miegel sagt: „Die Dinge sind so, wie sie sind, weil wir so sind, wie wir sind“.



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